a_RectangleHans

Ingenieur,
Berufsschullehrer
und
Pensionär

Wie es damals im Himmel zuging...

Als der liebe Gott die Menschen erschuf, dauerte das am Ende doch ein ganzes Stück  länger, als er sich das anfangs so vorgestellt hatte. Denn als er daran  ging, den Berufschullehrer zu erschaffen, musste er deshalb am sechsten  Tag etliche Überstunden machen, um im Zeitplan zu bleiben. Und während  er so vor sich hin arbeitete, erschien ein Engel, sah ihm zu und sagte  schließlich: "Oh, HERR, Ihr bastelt aber sehr lange an dieser Figur  herum!" Der liebe Gott antwortete: "Hast Du die speziellen Wünsche auf  dieser Bestellliste aus dem Kultusministerium gesehen? Der  Berufsschullehrer soll auf der einen Seite extrem pflegeleicht, aber auf der anderen Seite soll er nicht aus Plastik sein. Er soll insgesamt 160 bewegliche Teile haben. Auf seinen Schultern soll er notfalls die  Verantwortung für 40 und mehr Schüler tragen - und trotzdem muss er auf  einem unangepassten Schülerstuhl bequem sitzen können. Er soll einen  Rücken haben, auf dem sich alles abladen lässt, und er soll in einer  vorwiegend interessiert, gebückten Haltung leben und arbeiten können,  ohne dass er dadurch wegen akuter Rückenschmerzen vorzeitig  dienstunfähig wird. Sein verständnisvoller Zuspruch soll alles heilen  können, von Schülerbeulen bis zum Seelenschmerz. Und, nicht zu  vergessen, er soll sechs Paar Hände haben, und dies alles verbunden mit  einen unübertrefflichen Organisationstalent."

Da schüttelte der Engel seinen Kopf und sagte: ”Sechs Paar Hände? Das wird doch kaum gehen." "Die Hände machen mir kein Kopfzerbrechen", erwiderte der liebe Gott, "aber ich habe Probleme mit den gewünschten drei Paar  Augen, die der Berufsschullehrer haben muss." - "Gehören die zum  Standardmodell?", fragte der Engel. Der liebe Gott nickte. "Ja, ein  Augenpaar, das durch geschlossene Türen in die Nachbarklassen blicken  kann, die er mit betreuen muss, weil wieder einmal keine mobile  Vertretungsreserve verfügbar ist. Ein zweites Augenpaar im Hinterkopf,  mit dem er sieht, was er von den Schülern aus nicht sehen soll, aber  wissen muss; und natürlich die üblichen zwei Augen vorn, mit denen er  einerseits einen Schüler tiefernst anschauen kann, wenn sich dieser  unmöglich benimmt und die diesem Schüler anderseits gleichzeitig voller  Güte sagen: Ich verstehe dich, ich mag dich leiden - ohne dass er dabei  auch nur ein Wort spricht. "Oh HERR", sagte der Engel und zupfte den  lieben Gott sanft am Ãrmel, "geht lieber schlafen und macht morgen  weiter."

"Ich kann nicht", meinte der liebe Gott, "denn ich bin nahe daran, etwas zu  erschaffen, das mich einigermaßen zufrieden stellt. Ich habe es bereits  geschafft, dass der Berufsschullehrer sich selbst heilt, wenn er krank  ist, dass er 25 Schüler mit einer einzigen selbstgebackenen,  überdimensionalen Geburtstagspizza zufrieden stellt, dass er einen  Achtzehnjährigen dazu bringt, sich vor dem Frühstück die Hände zu  waschen, dass er einen Siebzehnjährigen davon überzeugt, dass das  Rauchen nicht förderlich für dessen Gesundheit ist, und dass er  vermitteln kann, dass ich Hände zum Schreiben und Arbeiten und nicht zum Schubsen und Schlagen, und Füße zum Gehen und nicht zum Treten anderer  Schüler geschaffen habe."

Der Engel ging langsam und kritisch blickend um das Modell  Berufsschullehrer herum. "Zu weich", seufzte er. "Aber unheimlich zäh!", sagte der liebe Gott. "Du glaubst gar nicht, was er alles leisten und  geduldig aushalten kann: 25 und mehr Stunden Unterricht in der Woche mit umfangreichen Vor- und Nachbereitungen, Korrekturen, Elterngesprächen,  Betriebsbesuchen, Konferenzen, freiwillige Fortbildungen und so weiter;  und dazu ist er noch ein guter Ehemann, ein liebevoller Vater und ein  perfekter Hausmann, ein vorbildlich politisch interessierter und  vielfach ehrenamtlich engagierter Staatsbürger ." "Kann er auch  denken?", fragte der Engel unvermittelt. "Nicht nur denken kann er, er  kann sogar urteilen und beurteilen, er kann, gegen besseres Wissen,  Kompromisse schließen", antwortete der liebe Gott, "und er kann  vergessen." Schließlich beugte sich der Engel etwas nach vorn und fuhr  mit dem Finger vorsichtig über die feuchte Wange des Modells. "Da muss  irgendwo ein Leck sein!", sagte der Engel. "Ich habe Euch ja gesagt, Ihr versucht einfach zuviel in dieses Modell hinein zu packen." - "Das ist  kein Leck", sagte der liebe Gott, "das ist nur eine Träne." - "Wofür ist die Träne gut?" - "Sie fließt bei Freude über die noch so kleinsten  Lernerfolge bei den Schülern, bei  Enttäuschungen, bei Schmerz,  Verlassenheit und Trauer." Der liebe Gott blickte nun ganz versonnen in  die von ihm frisch erschaffene Welt und dachte daran, für welches Geld  sein Berufsschullehrer dies alles machen würde. Dann sagte er voller  Mitgefühl: "Die Träne ist das Überlaufventil." "Oh HERR, Ihr seid ein  Genie!", sagte der Engel voller Bewunderung.

 

Soweit die Theorie, 
hier ein umfangreicher audio-visueller Erfahrungsbericht aus der “gymnasialen” Praxis!