Ein wahrhaft königliches Gefühl ...

... oder was wollte Hans Christian Andersen der Menschheit sagen?

Es war einmal in jenem Lande wo der Apfelwein traditionell in einem Bämbel  bevorratet wird und wo sich die Regierenden lange Zeit, vielleicht auch  mit einem gewissen Recht, einbildeten, dass ihre Bildungspolitik avantgardistisch und vorbildlich für die ganze Bundesrepublik Deutschland sei. Dort wurde Dornröschen unversehens von einem Prinzen aus Pisa wachgeküsst und erwachte aus einem langen, tiefen Schlaf. Erstaunt sah sich Dornröschen um, glaubte es doch, damals auf seines Eltern Schloss eingeschlafen zu sein. Aber erwacht war Dornröschen nun im hessischen  Kultusministerium. Dort fuhr es gleich, wie von einer Tarantel gestochen, durch langen Flure und suchte nach der Lösung für das vorgefundene Problem. Doch Dornröschen fand nichts, absolut nichts.

Getreu dem Motto „das nicht sein kann, was nicht sein darf" befragte Dornröschen eindringlich  alle Bediensteten des hohen Hauses und heischte nach praktikablen Vorschlägen. Dornröschen fauchte und drohte, es setzte das ganze Gesinde so mächtig unter Druck, dass dieses Boten in alle vier Himmelsrichtungen sandte, um an Hinweise für die gewünschte Problemlösung zu kommen.

Wie immer, wenn guter Rat gesucht wird, wird auch Rat gefunden. Irgendwo im großen Reich der pädagogischen Wissenschaft stieß ein ausgesandter Bote auf einen vortrefflichen Quacksalber mit einer unübertrefflichen Eloquenz. Auf der Basis seiner agrarischen Wurzeln fiel es diesem nicht schwer überzeugende Leitbegriffe zu finden, die sich auf der einen Seite durch romantisierende Griffigkeit und auf der anderen Seite durch eine absolute, inhaltliche Leere auszeichneten. Perfiderweise sicherte sich der bauernschlaue Gauner durch einen psychologischen Kunstgriff vor jedweder möglichen Kritik an seiner genialen Idee der Lernfelder ab. Behauptete er doch einfach mit der Autorität seiner wissenschaftlichen Profession, dass derjenige, der die Vorzüge seiner Überlegungen nicht erfassen könne entweder grenzenlos dumm oder bereits von unverbesserlichem Altersstarrsinn betroffen sei. Attribute, mit denen sich im Land des gähnenden Löwen eigentlich niemand freiwillig schmücken wollte. In seiner grenzenlosen Naivität fand auch Dornröschen großen Gefallen an der Idee der Lernfelder, wollte es doch im Nebeneffekt die fähigen von den unfähigen Bediensteten trennen. Nur so dumm oder altersstarrsinnig waren diese Angehörigen der Vor-Pisa-Generation auch nicht. So sammelten sich um Dornröschen die Apologeten der neuen pädagogischen Theorie. In Unkenntnis der wahren gesellschaftlichen und schulischen Verhältnisse, vielleicht auch wider besseres Wissen, wurden Aktivitäten mit den neuen Begrifflichkeiten ins Leben  gerufen und landesweite Initiativen gestartet. Ohne Vorstellung von dem was eigentlich geschehen sollte, organisierte man das pädagogische Personal des Landes in regionalen Arbeitsgemeinschaften. Ohne vorgeben zu können, was man denn eigentlich wollte, forderte man alle auf, nun macht doch einmal und bringt uns pädagogisch wieder an die verlorene Spitze. Der eloquente Quacksalber hatte sein einträgliches Ziel erreicht, er hatte seine Idee der Lernfelder ohne einen Nachweis der beabsichtigten Funktion erfolgreich verkauft. Der eingeschlagene Weg wurde von allen tapfer weitergegangen, keiner war bereit die Sinnlosigkeit des Unternehmens zu beschreiben. Selbst Dornröschen redete sich gebetsmühlenartig ein, dass Lernfelder der absolute Fortschritt sein mussten. Es konnte die Dinge zwar nicht begreifen, da es aber in dem Dilemma stand, weder als besonders dumm noch bereits als  altersstarrsinnig gelten zu wollen, zeigte es sich von der dargebotenen Idee der Lernfelder erst tief beeindruckt, dann grenzenlos begeistert und restlos überzeugt.

Da nun Kinder in der heutigen Bildungspolitik wirklich keinerlei Rolle spielen, bleibt das notwendige, versöhnliche Ende einfach aus. Kann man doch nur einen unschuldigen Kind zutrauen, dass es, ohne an die diskriminierenden Folgen zu denken, die wirkliche Wahrheit sagt und voller Überzeugung ruft: „Lernfelder, was für ein Schwachsinn? Lernfelder, die taugen doch nicht für mich!"

Die Geschichte könnte aber auch eine ganz andere Ursache haben. Es besteht die große Möglichkeit, dass der für das Hessenland zuständige Engel Aloisius mit göttlichen Ratschlägen für die hessische Landesregierung zur Erde geschickt wurde. Er traf unglücklicherweise den, in ähnlicher Mission reisenden bayerischen Engel Aloisius. Weil nun beide äußerst gesellige Naturen waren, haben sie sich auf ihrem gemeinsamen Weg aus den göttlichen Gefilden erst in München getrennt. Während der eine nicht am Hofbräuhaus vorbeikam, ereilte den anderen vielleicht ein ähnliches Schicksal. Auf dem Weg von München kommt man ohne Umwege geradewegs durch das kneipengespikte Sachsenhausen zur Landeshauptstadt Wiesbaden. Hoffentlich ... Naa, denn Prost!